Im Namen des Vaters
Zugegeben, der Titel lässt nicht ganz auf den Inhalt dieses Artikels schließen, das ist wahr. Trotzdem geht es hier um den Vater, und auch um seinen Namen. Der begleitet einen nämlich durchs Leben in Griechenland. Überall, wo man hinkommt und Formulare ausfüllen muss, wird zusätzlich zum eigenen Namen der Name des Vaters verlangt. Wenn man in eine Polizeikontrolle gerät oder eine Einkaufskarte im Supermarkt beantragen möchte, der Vater ist dabei. Am Anfang habe ich mich darüber aufgeregt und mich gefragt, was denn mein Vater damit zu tun hat. Schließlich habe ich bereits mehr als drei Jahrzehnte auf dem Buckel und betrachte mich doch als erwachsen. Mir lag schon oft auf der Zunge, zu sagen, weiß ich nicht, hat meine Mutter vergessen, oder so… das käme auf so einer kleinen Insel allerdings nicht so gut. Erstens glaube ich nicht, dass mein Gegenüber mein Anliegen verstehen würde, und zweitens wäre es meiner armen Mutter gegenüber unfair. In Nullkommanix hätte sie ihren Ruf weg; man stelle sich bloß vor, sie würde mich dann besuchen.
 
Mit den Namen ist es sowieso ganz eigentümlich. Den Namen des Vaters trägt der Grieche quasi als dritten Namen. Eigene Zweitnamen dagegen sind eine Kuriosität. Ich muss mich immer erklären, wenn ich sage, ich heiße "Alison - Martina - Blair". Dass der zweite Name mein "Rufname" ist, kann ich gleich vergessen dazu zu sagen, denn das wird nicht verstanden. So heiße ich fortan, wenn man mich anruft oder ich Post zugesandt bekomme, im besten Falle "Alison Blair". Bei der Krankenkasse lief ich lange Zeit unter "Alison Martina" und durfte auch nur so unterschreiben. Irgendwann habe ich mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt und es geschafft, aus mir "Alison Blair" zu machen (immerhin).
 
Meine Kreditkarte läuft unter A. A. Blair - das zweite "A." für den Vornamen meines Vaters. Schlimm genug für mich, die Pedantin - ja, ich gebe es ja zu - nun mit A. A. Blair unterschreiben zu müssen, wo ich doch gar nicht so heiße. Ich mag mir aber gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn ich z.B. in Deutschland mit meiner Kreditkarte bezahlen wollte und mich gleichzeitig ausweisen müsste…
 
Natürlich habe ich auch gefragt, warum das denn so ist. Angeblich, damit man den Menschen schneller identifizieren kann, da so viele Griechen den gleichen Namen tragen. (Wer schon einmal in Griechenland war, dem wird sicher aufgefallen sein, dass sehr viele Griechen z.B. "Georgios" heißen.) Damit man also einen Georgios Papadópoulos vom nächsten unterscheiden kann, sagt man eben, das ist "G.G.P.", der Sohn vom Soundso. Mit Glück hat der Vater einen anderen Vornamen oder dessen Vater, dann fällt die Identifizierung leichter. Nun, eine bessere Erklärung habe ich nicht bekommen. Vielleicht stimmt es ja auch so.
 
Diese auffallende Namenshäufigkeit ist auch der Grund dafür, dass die Griechen oft Spitznamen tragen. Wie oft habe ich selbst gefragt - Georgios, WELCHER denn? Dann hieß es, die "Luftpumpe", zum Beispiel. Wirklich. Die Spitznamengeberei treibt zuweilen seltsame Blüten. Ich kenne Leute, die heißen "Gardine" (wegen des gardinenähnlichen Ponys) oder "Feuchtigkeit" (wiederum der Haare wegen, die sich bei hoher Luftfeuchtigkeit immer kräuseln) oder "Müll" (weil derjenige hauptsächlich Müll redet) oder "Frosch" (wegen der Glupschaugen) oder "Dicker" (selbsterklärend). Warum die Luftpumpe so gerufen wird, habe ich leider gerade vergessen. Nein, wirklich, soll froh sein, wer keinen solchen gnadenlosen Spitznamen bekommt und damit auch noch gerufen wird.

Da fällt mir ein, da gibt es auch noch die Namenstage. Eine sehr praktische Sache. Geburtstage fallen in Griechenland, im Gegensatz zum Namenstag, unter ferner liefen. So muss man sich Geburtstage eigentlich gar nicht merken, sondern nur Namenstage, was gar nicht schwer ist, weil man durchs Radio oder durch griechenlandübergreifende Beglückwunschorgien daran erinnert wird. So kommt man nicht mehr in die unangenehme Lage, einen Geburtstag zu verschwitzen. Also nicht wundern, wenn der eigene Geburtstag nicht so honoriert wird, wie man es eigentlich erwartet hätte. Glück hat, wer in Griechenland einen Namenstag hat.
 
Ich weiß die Lösung für mich. Ich lasse einfach meinen ersten Vornamen streichen (d.h. Problem mit den 2 Vornamen gelöst) sowie mein „r" in Martina (dann habe ich nämlich auch einen Namenstag). Mit dem allgegenwärtigen Namen meines Vaters werde ich wohl weiterleben müssen. Ich nehme mir auch vor, mich nächstes Mal nicht aufzuregen und mich trotzdem erwachsen zu fühlen ;-).
Autor: Martina, am 2002-02-04 16:28:10

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