Mein Einstieg in Griechenland - ein persoenlicher Bericht
Ich habe meinen Mann vor ca. 10 Jahren in Deutschland kennengelernt. Er ist zwar in Griechenland aufgewachsen, aber seine Eltern haben im gleichen Ort, wie ich gewohnt und er ist nach Deutschland gekommen um seine Eltern kennenzulernen und hat dabei mich gefunden. Seine Eltern sind inzwischen Rentner und wollten irgendwann zurück nach Griechenland. Mein Mann, Vassillios hat mit mir 6 Jahre in Deutschland zusammengelebt, bis wir uns irgendwann in einer Krise getrennt haben. Er ist dann nach Griechenland zurückgezogen und hat sich hier eine Taxilizenz gekauft. In der Zwischenzeit haben wir gemerkt, daß wir irgendwie doch zusammengehören. Wir führten die Beziehung auf diese große Entfernung weiter. Wir sahen uns 3-4 mal im Jahr jeweils für 2 Wochen. Nach 2 Jahren wurde mir das allerdings zuviel. Ich wußte, daß er niemals nach Deutschland zurückkehren würde. Seine Eltern lebten zwar immer noch dort, aber welche Aussichten hatte er in Deutschland. Er hat keine Berufsausbildung und hätte nur wieder auf dem Bau arbeiten können. Also entschied ich, daß ich mein Leben in Deutschland aufgebe und zu ihm nach Griechenland ziehe. Seine Eltern habe ich ihm dann auch gleich mitgebracht.

Als wir in Deutschland dann mit dem Auto aufbrachen, hatte ich das Gefühl, daß mir jemand das Herz rausreißen würde. Die lange Fahrt mit 3 Personen, 2 Katzen und 2 Wellis in einem kleinen Corsa war ziemlich stressig.
Aber alles nix gegen das, was mich die nächsten Wochen und Monate erwartete. Ich kannte Griechenland und vor allem Goumenissa vom Urlaub her. Da ist dann eben immer alles so sonnig, freundlich und unkompliziert.
Die erste Hürde war die Renovierung unserer Wohnung. Geplant war, daß wir damit sofort beginnen können. Leider standen aber noch alle Möbel der Vormieterin darin und diese war verreist, obwohl sie schon seit einem halben Jahr wußte wann ich komme. Naja, ich mußte erstmal 2 Wochen warten und dann durften wir die Möbel der Vormieterin auch noch alle selbst raustragen. Als das dann geschafft war, ging es ans Streichen. Wir haben einen Maler beauftragt, der allerdings zu Vassillios besten Freunden zählt und von ihm noch nie einen Cent genommen hat. Der brachte dann aber noch einen weiteren Freund mit. Über Geld wurde nicht geredet. Wir waren uns im Klaren, daß wir auf jedenfall Material bezahlen und natürlich auch wenn sie nix verlangen noch was dazugeben. Wir dachten, daß die Wohnung innerhalb maximal einer Woche fertig gestrichen ist. Sollte bei 2 Malern und 4 Zimmern eigentlich kein Problem sein. Nach fast 3 Wochen war das Ganze dann geschafft und wir waren um 1200 Euro ärmer. Tolle Freunde!
In der letzten Woche des Streichens kam Vassillios Onkel in dessen Haus wir dann eingezogen sind ins Krankenhaus. Angeblich wegen Fieber. Ich vermutete die ganze Zeit, daß er nicht nur eine Lungenentzündung, sondern auch Wasser in der Lunge hat und bettelte, daß sie ihn in ein richtiges Krankenhaus bringen. Aber da ich ja nur Arzthelferin und kein Arzt bin, hörte man nicht auf mich. Nach einer Woche ist er verstorben. Die ganze Beerdigung war dann der nächste Schlag für mich. Hier wird noch nach sehr alten Traditionen beerdigt. Der Verstorbene kommt ins Haus, wird dort aufgebart und über Nacht bewacht. Schlafen gehen darf man nicht. Viel Kaffee, viele Fremde (ich kannte da ja noch niemanden), viel Weihrauch, laute Klagegesänge, die einem durch Mark und Bein gehen. Am nächsten Morgen kommt dann der Priester, salbt den Toten. Der Tote kommt dann in den Leichwagen und wird durch das ganze Dorf in die Kirche gefahren. Die Trauergemeinde läuft hinterher. Dann der Trauergottesdienst und bevor der Tote aus der Kirche getragen wird, wird er von jedem auf die Stirn geküßt. Für jemanden, der noch nie ne Leiche gesehen hat eine unendliche Hürde. Danach gehts dann zum Friedhof und anschließend zum Leichenschmaus. Später kommt der Priester dann nochmal ins Haus und verteilt das Abendmahl, das mir verweigert wurde, weil ich nicht orthodox war. Allgemein ein sehr schreckliches Erlebnis. Inzwischen habe ich hier gelernt, daß der Tod Mittelpunkt des dörflichen Lebens ist. Man sieht hier hauptsächlich schwarzes und unfarbiges. Mindestens eine Beerdigung zieht pro Tag durch das Dorf, weil hier eben sehr viele alte Menschen leben. Die Jungen wandern zum Studieren nach Saloniki ab. Der Nachteil an dem hohen Altersdurchschnitt ist auch die allgemein sehr veraltete, unmoderne Einstellung der Bevölkerung. Verherrlichung der Kirche. Unbelehrbarkeit, manchmal ziemliche Dummheit (sorry, aber ich kann das nicht anders beschreiben)
So, als das Streichen nun fertig war, mußte ein neuer PVC-Boden in die Wohnung. Gott sei Dank war ich in der Woche in Deutschland, sonst wäre ich an einem Herzanfall gestorben. Als ich nach Hause kam traf mich der Schlag. Der Boden ist eine einzigste Buckelpiste. Die Kanten sind nicht sauber abgeschnitten, sondern an den Rändern nach oben gestellt, mit der Begründung, daß dann nicht so viel Dreck drunter geht, es sind Löcher eingeschnitten. Einfach für unsere deutschen Verhältnisse Pfusch. In Deutschland würde man der Firma dafür keinen Cent bezahlen. Hier heißt es nur, was soll man da jetzt machen, ist jetzt halt so. Hauptsache es ist ein Boden drin. Diese Einstellung hat mich anfangs zum Wahnsinn getrieben. Vor allem als dann ein halbes Jahr später, wir haben es uns gerade in der eingerichteten Wohnung gemütlich gemacht, die Heizung eingebaut wurde. Übrigens die Organisation der Tante. Inzwischen hasse ich diesen Heizungsmonteur, obwohl ich jetzt weiß, daß alle so sind. Die Heizung funktioniert zwar, allerdings machte der Monteur beim Einbau, nicht nur Brandlöcher in den neuen Boden, sondern zerkratzte uns sämtliche neuen Möbel und schweißte an der Wand, so daß wir eigentlich wieder frisch hätten streichen müssen. Tja, nix für schwache, deutsche Nerven.
Nach all diesem Theater ging es nun dran, daß ich mich verloben mußte. Tja "MUßTE", weil ich mir zu diesem Zeitpunkt alles andere als darüber im Klaren war, ob ich hier leben kann. Wie in Trance ließ ich dieses Schauerspiel über mich ergehen. Ich wurde in sämtliche Geschäfte gezerrt, man kaufte mir Schmuck, Kleider, Schuhe, Taschen. Ich war von allem so überrumpelt, weil ich davor davon absolut keine Ahnung hatte, welche Zeremonien sich bei einer einfachen Verlobung abspielen. Vor allem eine Verlobung die in diesem Moment hauptsächlich abspielte, damit die Leute sich nicht die Mäuler über unser ungesittetes Zusammenleben zerreißen können.
Zu allem kommt noch, das muß ich am Rande dazu sagen, daß das erste halbe Jahr täglich Menschen zu uns aus Neugier ins Haus kamen, um zu sehen wer die Deutsche ist, mir Löcher in den Bauch zu fragen. Ich habe aus Deutschland zwei Katzen mitgebracht. Durch die vielen Tiervergiftungen, die hier regelmäßig stattfinden, habe ich mich von Anfang an geweigert, die Katzen aus dem Haus zu lassen. Ich habe eine riesengroße Terrasse, die eingezäunt ist und meine Katzen fühlen sich wohl. Nur die anderen Leute haben damit eben ein großes Problem. Man wird hier täglich bearbeitet, man soll doch die Katzen "wegschmeißen", die verbreiten Krankheiten; wer Katzen im Haus hält bekommt keine Kinder usw. Einem Tierliebhaber, wie mir, kann das ganz schön ans Herz gehen. Und die Leute sind so unbelehrbar. Du kannst ihnen erklären, daß die Katzen geimpft sind, daß sie sauber sind, daß sie nützlich sind. Das geht hier zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus, wie bei vielen anderen Sachen. Irgendwann fängst Du an den Leuten gar nimmer zuzuhören.
Die Verlobung war vorbei und plötzlich wurde die Mutter von Vassillios krank. Wieder ging es hier ins Krankenhaus in Goumenissa. Ich bemerkte, daß sich nach Tagen ihr Bauch immer mehr aufblähte und vermutete Wasser im Bauchraum. Aber es hieß, sie hätte sich den Magen mit zuviel fettigem Essen verdorben und dazu eine Grippe. Ich bat alle, sie in ein richtiges Krankenhaus zu schicken. Erst als es fast zu spät war, wurde sie dann als Notfall in einem sehr guten Krankenhaus in Saloniki eingeliefert. Ihr wurden zich Liter Wasser entzogen, aber woran es lag, woher es kam, konnte uns auch da keiner sagen. Ihr Kampf dauerte 3 Monate in diesem Krankenhaus. Wir fuhren täglich hin. Außerdem blieb einer von uns immer über Nacht bei ihr, was bedeutete, daß wir oft ein paar Nächte hintereinander selbst gar nicht geschlafen haben. Sie starb mit jedem Tag mehr und kein Mensch konnte uns sagen was sie hatte. Die Untersuchung, die uns mehr Aufschluß gebracht hätte, haben die Ärzte verweigert und erst nach einer "Unter-der-Hand-Sonderzahlung" von 500 Euro verrichtet. 2 Tage später war sie tot. Im Totenschein stand Herzversagen, aber was es genau war...keine Ahnung! Die nächste Beerdigung.
Ich war zu dieser Zeit an meinem Tiefpunkt. Ich konnte einfach nicht mehr. Wo ist der ganze Luxus, die Einkaufszentren, das Moderne, Menschen mit denen man über Computer und Technologie fachsimpeln kann, Heimweh. Es kam echt alles zusammen. Aber komischerweise, ich weiß nicht warum...sooft ich auch vor hatte zurückzugehen, zu diesem Zeitpunkt verschwendete ich keinen Gedanken mehr daran. Irgendwie haben mich diese ganze Probleme hier in das System eingebaut. Ich bin in vielen Dingen wesentlich gelassener geworden. Ich habe durch das alles die Sprache und die Menschen kennen gelernt. Es waren nicht mehr überall nur noch fremde, neugierige Augen, sondern langsam etwas Vertrautes, Heimisches. ich werde in wenigen Wochen 32 Jahre alt und ich habe noch keine Kinder. Zu diesem Zeitpunkt war ich so oft mit dem Tot konfrontriert, daß ich eine absolute Sehnsucht nach Leben bekam. Ich wußte daß es für mich schwierig ist hier Arbeit zu finden, was hier oben allgemein verdammt schwierig ist, vor allem für eine Ausländerin, die noch nicht mal lesen und schreiben kann. Es ist fast ausgeschlossen. Ich dachte nicht lange nach. Ich hatte nur einfach das Gefühl, daß es Zeit wird ein Kind zu bekommen. Mein Alter, das Gefühl aufgestaute Liebe verschenken zu müssen, eine Lebensaufgabe. Manches vielleicht egoistisch ein Kind zu bekommen, aber da ich schon immer ein Kind wollte, denke ich war es eben einfach der richtige Zeitpunkt. Ich bin jetzt im 6. Monat schwanger und ich habe die Zeit und die Möglichkeit die Schwangerschaft in vollen Zügen zu genießen. Auf das Kind freuen wir uns alle wahnsinnig. Die Freude auf das neue Leben hat es geschafft mir zu zeigen, daß es viel wichtigeres gibt, als sich über die Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit und die Ungenauigkeit der Menschen hier aufzuregen. Meine Augen sind jetzt wesentlich offener für das, was es hier Gutes gibt. Schließlich möchte ich das ja irgendwann auch mal an mein Kind weiter geben.

Ich freue mich auf die Zukunft

Autor: tommax, am 2004-08-30 12:38:49

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