Und Otto sprach „Es werde Stadt!“
Das organisierte Chaos am Rande Europas: Die Entwicklung des neuzeitlichen Athen
Lange vor Otto Rehhagel hatte bereits an anderer aus Deutschland importierter Otto Griechenland seinen Stempel aufgedrückt: Der zweite Sohn des bayerischen Königs wurde 1833 als Otto I. Monarch der Hellenen. Der siebzehnjährige Wittelsbacher war der Kompromisskandidat der europäischen Großmächte, die Griechenland im Befreiungskampf gegen die Türken maßgeblich unterstützt hatten. Eine der ersten Amtshandlungen seiner
fast dreißigjährigen Herrschaft war, Athen zur Hauptstadt des Reichs zu ernennen. Für Athen, im Osmanischen Reich ein untergeordnetes Marktzentrum, sprach lediglich seine große antike Vergangenheit, nicht seine zeitgenössische politische oder wirtschaftliche Bedeutung. Bei Ottos Ankunft lebten in der während des Krieges stark zerstörten Stadt nicht einmal mehr fünftausend Menschen, überwiegend landwirtschaftlich tätig. Etwa die Hälfte der Einwohner waren Moslems. Piraeus, heute der wichtigste Hafen des östlichen Mittelmeers und längst mit Athen zu einer Metropole zusammengewachsen, existierte praktisch überhaupt nicht.

Mit der Planung des modernen Athens beauftragte die Regierung zwei Architekten: den Deutschen Gustav Eduard Schaubert und den Griechen Stamatios Kleanthes, beides Schinkel-Schüler, die in den Jahren um 1820 an der Berliner Bauakademie studiert hatten. Nach intensiven Feldforschungen entschieden sie sich, die neue Stadt nördlich der Akropolis aufzubauen, dort, wo auch das Zentrum des antiken Athens gelegen hatte. Zum Glück durfte die Bebauung erst hinter einem als archäologische Zone ausgewiesen Areal einsetzen, das von Bebauungen ausgenommen werden mußte. Eine Sichtachse zwischen der Akropolis und dem neuen Königspalast verband die alte und die neue Stadt topografisch und sollte dem Monarchen freie Sicht auf das Parthenon bieten. Die Pläne wurden wenig später durch den bayerischen Architekten Leo von Klenze erheblich modifiziert. Seine und auch Karl Friedrich Schinkels Entwürfe für eine klassizistische Königsresidenz auf der Akropolis wurden glücklicherweise nicht ausgeführt. Doch die übrigen modifizierten Pläne prägen das Athener Stadtzentrum bis heute. Die Hauptstadtfunktion ließ die Bevölkerung signifikant ansteigen. Politiker und Verwaltungsbeamte zogen Angehörige freier Berufe, Dienstboten, Handwerker und Bauarbeiter nach. Die deutsche und griechische Oberschicht ließ sich prächtige neoklassizistische Villen an den Hauptstraßen der neuen Kapitale erbauen. Weniger bemittelte Zuwanderer, die sich die teuren Grundstücke innerhalb des Bebauungsplanes nicht leisten konnten, errichteten erste illegale Quartiere außerhalb der Stadtgrenzen und begründeten so eine langfristige Tradition der Wohnraumbeschaffung.

In reinen Zahlen und vor dem Hintergrund anderer europäischer Metropolen jener Zeit betrachtet, verlief die anfängliche urbane Expansion, die auch die Rücksiedlung vermögender Auslandsgriechen mit sich brachte, eher undramatisch. Um 1850 lebten immer noch weniger als fünfzigtausend Menschen in der Stadt. Bis zur Jahrhundertwende stieg die Einwohnerzahl, bedingt durch starke Landflucht, auf etwa eine Viertelmillionen, was erhebliche soziale Probleme mit sich brachte. Während die High Society die neuesten Moden aus Paris importierte, brachte die Zuwanderung vieler junger, männlicher Arbeitssuchender aus ländlichen Gegenden eine Gewalttätigkeit und Kriminalität auf die Straßen, die Athen zur Mordhauptstadt Europas werden ließ. Wurden in London, Paris oder Berlin 1890 weniger als zwei Morde pro einhunderttausend Einwohner registriert, waren es in Athen einhundertsieben.Die Armee mußte auf den Straßen patrouillieren, um die Ordnung nicht völlig zusammenbrechen zu lassen. Nicht auszudenken, wie die Verhältnisse gewesen wären, hätte es nicht die Alternative des Auswanderns nach Übersee gegeben: Zwischen 1890 und 1920 verließen eine halbe Millionen Griechen das Land, die meisten von ihnen Männer unter fünfunddreißig Jahren.

Um die Jahrhundertwende war Athen bereits das alles dominierende urbane Zentrum des immer noch dominant agrarisch geprägten griechischen Staates, im Vergleich mit den Metropolen West- und Zentraleuropas jedoch klein und unbedeutend. Immerhin richtete die Stadt 1896 durchaus erfolgreich die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit aus, wenn auch nur mit gut dreihundert Athleten aus dreizehn Nationen. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte dann die massive, bis heute kaum gebrochene Vergrößerung Athens zur Megastadt ein.
Griechenland hatte vergeblich versucht, dem in Auflösung befindlichen Osmanischen Reich jene Gebiete in Kleinasien abzunehmen, die es als historisch und kulturell hellenistisch betrachtete und in denen viele ethnische Griechen lebten. Die Niederlage gegen die Truppen Atatürks ging einher mit einem 1923 im Vertrag von Lausanne vereinbarten Bevölkerungsaustausch, durch den 350 000 Moslems, vorwiegend aus Nordgriechenland, und rund 1,3 Millionen Griechen aus Kleinasien Hals über Kopf in das jeweils andere Land umziehen mußten.Über dreihunderttausend Flüchtlinge siedelten sich in Athen an, wodurch sich die Stadtbevölkerung innerhalb weniger Jahre mehr als verdoppelte. Öffentlich geförderte Bauprogramme konnten die daraus resultierenden enormen Wohnraumprobleme nicht einmal annähernd lösen. Also behalfen sich die Neuankömmlinge in bewährter Weise und bauten ohne Genehmigung. Durch die Zusammenarbeit zwischen politisch gut vernetzten Bauunternehmern und bestechlichen Ordnungshütern konnten die schlimmsten Engpässe auf
pragmatische Weise behoben werden. Der hilflosen Administration blieb nur, die neu entstandenen Viertel nachträglich zu legalisieren und mit einer halbwegs funktionierenden sozialen und technischen Infrastruktur zu versehen. Viele dieser mittlerweile alteingesessenen Quartiere führen das "Nea" im Namen, teils in Verbindung mit einem Hinweis auf die Herkunft der ursprünglichen Bewohner, wie etwa Nea Smyrni (Smyrna, türkisch: Izmir).

Athen vergrößerte sich in der Folgezeit ungebremst weiter, teils durch natürliches Wachstum, größtenteils aber durch innergriechische Migration. Piraeus und Athen wuchsen endgültig zu einer Stadt zusammen, wobei die funktionale Trennung zwischen der Hafenstadt mit ihrer Fertigungsindustrie und der Regierungsmetropole mit einer Vielzahl kultureller und
wissenschaftlicher Einrichtungen bis heute fortbesteht. Athen war 1941 durch Luftangriffe erheblich zerstört worden und litt, wie das ganze Land, unter der bis 1944 anhaltenden rigiden deutschen Besatzung. Landbewohner strömten wegen der katastrophalen Versorgungslage verstärkt in die Hauptstadt. Eine noch stärkere Zuzugswelle erlebte Athen während des
Bürgerkriegs zwischen Monarchisten und Kommunisten, der sich unmittelbar an die Befreiung anschloß. Es ist bemerkenswert, dass sich trotz dieser Bedingungen zu keiner Zeit Slums bildeten, was auf eine starke familiäre und innerquartierliche Solidarität zurückzuführen ist. Die Sogwirkung des Athener Raums im zwanzigsten Jahrhundert erklärte sich vor allem aus der Ansiedlung der Mehrzahl der griechischen Industrieunternehmen in der Hauptstadt und ihrer Peripherie. Nur hier, oder im wesentlich kleineren, seit 1913 im griechischen Staatsgebiet befindlichen Thessaloniki, waren darüber hinaus gute Schulen, Hospitäler und kulturelle Institutionen zu finden.

Bis in die frühen siebziger Jahre wuchs Athen im wesentlichen in die Breite: Ein- bis dreistöckige, einfachst gebaute Häuser beherrschten das immer weiter ausfransende Stadtbild. Erst in den letzten drei Jahrzehnten kam es zu einer intensiveren verdichteten Wohnbebauung der zentralen Stadtbezirke. Dabei spielt das System der "Antiparochie", das Geschäft auf Gegenseitigkeit eine große Rolle: Nach ihm überläßt ein Landbesitzer einem Bauunternehmer ein Grundstück für die Errichtung eines Mehrfamilienhauses und erhält im Gegenzug einige der Wohnungen zum Eigennutz oder zur Vermietung. Nur so ließ sich mit verhältnismäßig wenig Kapital bauen. Örtlich festgelegte Traufhöhen konnten umgangen werden, indem Grundstücksbesitzer zugunsten höherer Stockwerke ihrer Athener Neubauten auf die Bebauung anderen, meist ländlich gelegenen Baulandes verzichteten. Das Resultat ist eine geradezu erstickend dichte Bebauung unter Ausnutzung sämtlicher Platzreserven, in der allerdings echte Hochhäuser fast völlig fehlen.
Athen ist heute die am dichtesten besiedelte europäische Metropole mit dem geringsten Anteil an Grünflächen, deren schöne Seiten sich dem Besucher erst auf den dritten Blick erschließen. Im Großraum leben, je nach Definition, zwischen vier und fünf Millionen Menschen, fast die Hälfte der griechischen Bevölkerung. Dem geografischen Wachstum der Stadt ist durch die umliegenden Bergketten und das Meer Einhalt geboten worden. Durch den privaten Autoverkehr, erst seit den siebziger Jahren ein Massenphänomen, bewegt sich Athen permanent am Rande des Verkehrskollaps. Immerhin mildern moderne Katalysatoren seit einigen Jahren den berüchtigten "Nefos", den große Teile der Stadt überziehenden Smog, der zuvor jährlich hunderte Einwohner mit Respirationsproblemen das Leben kostete. Seit 2002 sorgt ein noch recht rudimentäres U-Bahn Netz für zusätzliche Entlastung.

Mittlerweile ist Athen eine wirklich internationale Stadt geworden, auch begünstigt durch die Aufnahme Griechenlands in die EU 1981. War ein chinesisches Restaurant vor zwanzig Jahren noch eine Rarität, kann man heute kulinarischen Genüssen jeder Art und aller Länder zusprechen. Die griechische Bevölkerung Athens ist leicht rückläufig, da die Regierung die Ansiedlung in kleineren Städten attraktiver zu gestalteten bemüht ist. Freilich wächst die Stadt noch immer. Grund ist die nicht immer legale ausländische Immigration, vorwiegend aus Albanien, anderen Balkanländern und den ehemaligen Sowjetrepubliken. Das vor dem Fall des eisernen Vorhangs ethnisch sehr homogene Athen hat seine Probleme mit den Neuankömmlingen. Sie stellen billige Arbeitskräfte, auch für die olympischen Baustellen, werden aber andererseits für die stark gestiegene Kriminalität verantwortlich gemacht.

Hätte der erste ausländische Otto heute die Gelegenheit, aus dem Fenster seiner Residenz zu blicken, würde er zwar immer noch das Parthenon sehen, die von seinen Architekten konzipierte Stadt aber ansonsten wohl kaum wiedererkennen, zumal sein Schloß mittlerweile das griechische Parlament beherbergt.

Autor: psilos, am 2004-08-04 11:19:07

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