Krank sein bis der Arzt kommt
Anläßlich unseres (deutsch-griechisches Paar mit zwei Kindern, 3 + 0) Weihnachts- und Neujahrsaufenthaltes in Athen, konnten wir die medizinische Notfallversorgung der Hauptstadt ausgiebig testen. Beide Kinder hatten fiebrige Erkältungen, beim Baby wurde es sogar wegen hohen Fiebers ein wenig heikel. Ich selbst hatte eine Mittelohrentzündung, natürlich alles während der Feiertage. Aber es wird einem ja geholfen. Die erste Begegnung mit einer ins Haus gerufenen Kinderärztin (der griechischen Familie bekannt) war noch recht undramatisch, da tagsüber und eigentlich nur zur Sicherheit, um sich über die stark hustende ältere Tochter Gewissheit zu verschaffen. Immerhin war es tatsächlich eine KINDERärztin, die sich überreden ließ, von Pireas nach Alimos zu fahren. Nach ein paar kurzen Tests waren wir um einige Rezepte reicher und 80 Euro ärmer. Ihren Quittungsblock hatte sie leider in Pireas „vergessen“, aber eine formlose Bescheinigung für die Versicherung tat es auch. Eine geöffnete Apotheke zu finden war dann nur noch eine Sache von 1½ Stunden, da sich nicht alle diese Institutionen an Notdienstpläne zu halten scheinen. Die Alternative wäre gewesen, zu einem staatlichen Krankenhaus zu fahren, wo auch Kinderärzte in Bereitschaft stehen, was aber mit enormer Fahrtzeit und noch enormerer Wartezeit verbunden gewesen wäre. Dafür wäre es aber umsonst gewesen. Nun ja, Reisekrankenversicherung macht es möglich. Ich meine nicht das E 111 – Formular der Krankenkasse, sondern eine private Reise KV, die nur ein paar Euro kostet und ein ganzes Jahr weltweit gilt. Unbedingt zu empfehlen!

Wenig später zwickte mein Ohr; es war schon fast Mitternacht. Ein Verwandter hatte noch die Visitenkarte eines praktischen Arztes, der sich auch sofort bereit erklärte, ins Haus zu kommen. Eine halbe Stunde später war er da. Diagnose Mittelohrentzündung war schnell gestellt, Antibiotika sofort verschrieben (in diesem Fall wohl wirklich nötig), Apotheke nebenan hatte Notdienst und die Apothekerin hatte das nicht „vergessen“. Und alles zum Schleuderpreis von nur 40 Euro (plus ca. 16 Euro für die Antibiotika). Merke: Preise werden individuell festgesetzt. Als ich einige Tage später immer noch leichte Beschwerden im Ohr hatte, wurde mir ärztlicherseits bedeutet, ich möge doch nochmals ein Schächtelchen Antibiotika nachwerfen, da die erste 4-Tage Kur wohl zu kurz gewesen sei. Gesagt, getan (ich nehme das Zeug sonst eigentlich sehr selten) und völlig problemlos ohne Rezept, nur gegen 16 Euro noch einen Hammer für 4 weitere Tage erstanden). Danach war alles paletti.

Aber inzwischen entwickelte unsere 5 Monate alte Tochter ernsthaftere Erkältungsbeschwerden, inklusive Fieber. Bei Babies kann das gefährlich werden. Wie findet man um zwei Uhr Nachts einen Kinderarzt? In Athen kein Thema. Siehe unter S.O.S. im Telefonbuch. Scheint sich um eine Organisation zu handeln, die Ärzte aller Fachrichtungen vermittelt und zu Notdiensten lotst. Unsere K-Ärztin kam aus Palästina (aktuell allerdings aus Alimos-Kalamaki), sprach sehr passabel Griechisch, war topmodisch gekleidet und hatte wirklich Ahnung von ihrem Job. Der Notdienst hat übrigens feste Preise, gestaffelt nach Tageszeit. In unserem Fall wiederum 80 Euro, wobei es vor Mitternacht um 10 Euro günstiger gewesen wäre. Merke: Frühzeitig anrufen spart Geld.

Nunmehr war unsere Kleine fürs erste versorgt. Wir wußten vor allem, dass ihre Lunge frei war und sie keine Bronchitis hatte. Allerdings hielt unsere Beruhigung nur bis zum nächsten Abend an, denn da stieg das Fieber alarmierend hoch. Mein Schwager wußte Rat. Fahrt zum privaten „Metropolitan“ Krankenhaus. Ich berichte jetzt aus den Erzählungen meiner Frau, da ich wegen unserer älteren Tochter nicht mitkommen konnte. Das KH sieht aus wie ein Hotel, und Wartezeiten gab es auch kaum. Eine sehr junge Ärztin hörte Töchterchen ab, etc., stellte fest, dass die Lunge immer noch frei ist und schlug „zur Sicherheit“ eine Röntgenaufnahme vor, was meine Frau natürlich ablehnte. „Dann wenigstens ein Bluttest“, meinte sie. Ok, warum nicht. Was dann aber kam, war erschütternd. Die Dame ging mit einer für Babyarme riesigen Schmetterlingsnadel ans Werk und fand keine Vene. Nach einigen vergeblichen Versuchen, begleitet von großem Geschrei, brach meine Frau die Untersuchung ab und ging. Natürlich nicht ohne die Rechnung von 40 Euro für die Untersuchung und zwei Centbeträgen für Spritze und Kanüle. Dieses private Krankenhaus scheint eine reine Geldmachmaschine zu sein. Wir hörten später von einem griechischen Arzt, dass er Angehörigen aufgetragen hat, ihn in Notfällen niemals zu einem privaten, sondern nur zu einem staatlichen Krankenhaus zu bringen. Unsere Tochter überlebte übrigens mit Fieberzäpfchen und wurde am nächsten Tag, bei besserem Zustand, nochmals der palästinensischen Ärztin in deren Praxis vorgestellt, die ihr Flugfähigkeit bescheinigte.

Unser deutscher Kinderarzt zeigte sich zwei Tage später entsetzt über den Versuch, eine als „frei“ deklarierte Lunge auch noch röntgen lassen zu wollen und zeigte uns dann, wie völlig schmerzfrei und einfach (Fingerpieks) ein Bluttest bei einem Baby zu machen ist.

Fazit: Gegen entsprechendes Geld (verhältnismäßig moderat, wie ich finde), erhält man in Athen schnell medizinische Notfallhilfe. Alles wurde sehr zuverlässig organisiert und ging, vor allem angesichts des Verkehrs, äußerst fix. Drei von vier Ärzten verstanden ihr Handwerk. Apothekennotdienst ist teilweise Glücksache. Privaten Krankenhäusern darf man nicht immer trauen. Es hilft natürlich, wenn man ein wenig Griechisch kann, denn von allen Beteiligten konnte eigentlich nur die erste Kinderärztin ausreichend Englisch, um eine medizinische Konversation zu führen. Sie hatte übrigens in England studiert.

Autor: psilos, am 2004-05-09 07:59:39

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