Griechische Zahlenspiele
Es geht hier um die, wie ich sie nenne, "Fünf-Minuten-Falle“. Ich bin nun schon einige Jahre in Griechenland und falle immer noch auf sie rein. Inzwischen weiß ich nämlich, dass es noch lange nicht fünf Minuten bedeutet, wenn ein Grieche fünf Minuten sagt.
Es ist es besser, sich von vornherein darauf einzustellen, dass "fünf Minuten“ in Griechenland sehr lang werden können. So erspart man sich manche Aufregung und schont seine Nerven, besonders wenn man auf etwas sehr Wichtiges wartet. Eigentlich ist Griechenland eine sehr gute Therapie für Pedanten; man lernt, sich selbst und die Dinge nicht mehr so genau zu nehmen. Ein ausgeprägter Sinn für Humor ist da sehr förderlich.

Ein kleines Beispiel. Ich unterhalte mich gerade mit meiner Schwägerin in spe, als ihr Handy klingelt. Sie flötet in den Hörer "ich rufe dich in fünf Minuten zurück“, und während unserer weiteren Unterhaltung schiele ich immer wieder zur Uhr in der Erwartung, dass sie jeden Moment zum Hörer greifen wird. Auf meine Nachfrage hin, ob sie denn ihre Freundin nicht zurückrufen wolle, es sei jetzt eine halbe Stunde vergangen, entgegnet sie, nein, die riefe sie nach dem Mittagessen an. Ich hoffe, dass ihre Freundin das auch so verstanden hat, aber wenn nicht, ist es ja auch nicht so tragisch, es handelte sich schließlich nur um einen Anruf.

Ich behaupte, "fünf Minuten“ heißt so viel wie "sobald wie möglich“ oder "in absehbarer Zeit“. Es gibt viele derartige Beispiele. Da gäbe es z.B. "zwei bis drei Tage“, das bedeutet meiner Erfahrung nach "in etwa einer Woche bis zu zehn Tagen“. "Morgen“ bedeutet (mit Glück...) "über-über-morgen“, und Anfang der Woche oder Ende des Monates ist ganz heikel, da wird nämlich nicht dazu gesagt, welche Woche bzw. welchen Monat. Je ungenauer die Angabe, desto unwahrscheinlicher, dass derjenige selbst weiß, was er meint.

Ich habe den Verdacht, dass es da einen bestimmten Code geben muss, den ich noch nicht ganz begriffen habe. So versuche ich mich mit gewissen "Krücken“ durchzuschlagen und habe eine Faustregel aufgestellt, mit der ich ganz gut klarkomme – wenn ich mich dran erinnere. Manchmal vergesse ich es nämlich und falle in mein altes Verhaltensmuster zurück, die Dinge wörtlich zu nehmen.

Das Phänomen ist nicht nur auf Zeitangaben beschränkt. Anderes Beispiel. Ich werde von meiner zukünftigen Schwiegermutter gebeten, bitte "eine“ Tomate in Viertel zu schneiden. Also greife ich automatisch zu einem mittelgroßen Teller, werde aber sofort gerügt "doch nicht so einen kleinen Teller!“. Noch nicht ahnend, dass ich wieder auf so ein Zahlending reingefallen bin, frage ich leicht irritiert – "für EINE Tomate?“ Die Antwort folgt sogleich – "doch nicht eine, mindestens zwei!“. Tja.

Oder mein zukünftiger Schwiegervater – es geht wieder ums Essen – behauptet den einen Tag steif und fest, mehr als EINEN Souvlaki würde er nie essen, woraufhin ich ihn den darauffolgenden Tag munter drei nacheinander essen sehe. Auf meine Nachfrage hin, wie denn seine gestrige Behauptung zu verstehen sei, gibt es keine Antwort. Er scheint mich nicht zu verstehen und isst ungerührt weiter.

Apropos Essen. Wenn man mit einem Griechen um 21 h zum Essen verabredet ist und er ist um 22h noch nicht da, keine Sorge, er hat nicht schon gegessen und ist bereits wieder weg. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass er sehr bald auftauchen wird. Ich rate dazu, in dem Falle schon mit ein paar leckeren griechischen Vorspeisen anzufangen, um die Wartezeit so angenehm wie möglich zu gestalten.

Die "eine Tomate“ ist in meiner griechischen Familie inzwischen ein geflügeltes Wort und wir ziehen uns damit oft gegenseitig auf. Meine Schwiegermutter in spe ist damit sehr leicht zum Lachen zu kriegen. Den leisen Verdacht habe ich ja, dass sie mich als etwas sehr Seltenes ansieht, dem etwas Wichtiges fehlt, vermutlich das Zahlen-Interpretations-Gen. Ich habe mich dort seit der Tomatengeschichte rückversichert und frage immer genau nach, wenn jemand mir gegenüber Zahlen verwendet. In der Familie kann man das machen, aber im Umgang mit anderen Menschen mutet solch genaues Nachfragen dann doch etwas seltsam an. Also muss man besser versuchen, so gut als möglich zu schätzen und zu interpretieren.

Meine Faustregel ist die, dass der Grieche mit dem, was er sagt, etwas AUSDRÜCKEN will. Folglich muss ich versuchen, genau das herauszufinden, da er die Dinge nicht wörtlich meint. Wenn ich also davon ausgehe, dass "nur fünf Minuten“ "sehr bald“ heißt, muss ich dann eben schätzen, was DERJENIGE unter "sehr bald“ verstehen könnte.

Bei Entfernungen ist es genauso. Meines Wissens bedeuten z.B. "nur 400 Meter“ in Wirklichkeit ca. 1,5 km, will heißen, "nicht weit“. Vermutlich gibt es noch viele andere Beispiele, die mir gerade nicht einfallen.

Ich bleibe aber am Ball und werde weiterhin versuchen, diesen Code zu entschlüsseln, auch wenn mir entsprechendes Gen fehlt. Sollte ich wirklich mal GENAU dahinterkommen, werde ich es an dieser Stelle bekannt geben.

Autor: Martina, am 2002-03-04 16:12:47

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